{"id":420,"date":"2012-06-19T13:37:59","date_gmt":"2012-06-19T11:37:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.haleh-gallery.com\/?p=420"},"modified":"2015-05-05T13:33:46","modified_gmt":"2015-05-05T11:33:46","slug":"movement-by-abolfazl-lireh-kourosh-ghazimorad-shervin-pashaie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/movement-by-abolfazl-lireh-kourosh-ghazimorad-shervin-pashaie\/","title":{"rendered":"&#8222;Movement&#8220; by Abolfazl Lireh, Kourosh Ghazimorad &#038; Shervin Pashaie"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p><strong>Warum schreibt einer? Vielleicht, um die fl\u00fcchtigen Dinge festzuhalten und aufzubewahren. Vielleicht, um seinem Innersten eine Heimat zu geben, die er mit andern teilen kann. Die Welt aufzuschreiben, sich in die Welt einzuschreiben: diesem Grundimpuls entspringt die Literatur, aber auch die Zeichnung und die Malerei. Lange, bevor westliche K\u00fcnstler am Beginn der Moderne mit der Verschmelzung von Bild und Text experimentierten, hatte die vom Bilderverbot gepr\u00e4gte islamische Kunst die Schrift als \u00e4sthetisches Mittel entdeckt.\u00a0<em>Movement\u00a0<\/em>schl\u00e4gt eine Br\u00fccke von der morgenl\u00e4ndischen Tradition zur abendl\u00e4ndischen Gegenwart: Mit Aboulfazl Lireh, Kourosh Ghazimorad und Shervin Pashaie vereint die Ausstellung drei zeitgen\u00f6ssische Positionen aus dem Iran, die von der Geste des Schreibens ihren Ausgang nehmen und in unterschiedlichen Medien seine expressive Kraft, aber auch seine aktuelle politische Dimension ausloten.<\/strong><\/p>\n<p>\u2013<\/p>\n<p>Die tanzenden Formen\u00a0<strong>Aboulfazl Lireh<\/strong>s f\u00fchren an die gemeinsame Quelle von Schrift und Malerei. Seine dunkel flutenden, kreisenden Tuscheschlieren, die er mit der Metallfeder \u00fcbers Papier zieht, sind Spuren einer Urgeb\u00e4rde: einer nerv\u00f6sen Bewegung, die die Farbe in Erregung versetzt und \u00fcber die Fl\u00e4che treibt. Ein Punkt wird zur Linie, zur Welle. Der melodi\u00f6se Schwung in Lirehs Kompositionen verdankt sich ganz wesentlich dem Einfluss der Musik, die den Maler stets begleitet. Dabei hat die Unmittelbarkeit, mit der Lireh einer k\u00f6rperlichen Dynamik bildlichen Ausdruck verleiht, auch etwas von der\u00a0<em>\u00e9criture automatique\u00a0<\/em>der Surrealisten, deren hastiges, assoziatives Schreiben die kontrollierende Vernunft \u00fcberlisten und den freien Gedankenstrom dem Unbewussten und Zuf\u00e4lligen \u00f6ffnen sollte. Wie die Formgespinste der deutschen\u00a0<em>Informel<\/em>-Maler oder der amerikanischen\u00a0<em>action painter<\/em>, die das surrealistische Prinzip des \u201eautomatischen\u201c Schaffens aufnahmen, protokollieren Lirehs schwarz-braune Farbwirbel die Spontaneit\u00e4t und Schnelligkeit des Malprozesses und machen sie f\u00fcr den Betrachter nachvollziehbar. Gleichzeitig aber schiebt Lireh immer wieder statische Gebilde als Barrieren in den Fluss der Malerei \u2013 Balken, Raster, Gitter, die dem dahingleitenden Auge wie Schlagb\u00e4ume den Weg abschneiden. Die Disziplinierungsmaschinerie steht parat, die unbedingte Freiheit des Ausdrucks bleibt ein verletzbares Provisorium.<\/p>\n<p>Im Spannungsfeld zwischen formaler Ordnung und Entfaltung stehen auch die Schrift-Bilder\u00a0<strong>Kourosh Ghazimorad<\/strong>s, die auf wei\u00dfem Papier- oder Leinwandgrund die reine, graphische Pr\u00e4senz der Sprache wirken lassen. Kalligraphische Malerei hat im islamisch gepr\u00e4gten Kulturkreis eine lange Geschichte. Der religi\u00f6s begr\u00fcndete Bildverzicht forcierte hier die sehr sorgf\u00e4ltige und kreative Gestaltung des geschriebenen Wortes. Besonders die Werke der klassischen persischen Autoren wie Hafis oder Firdausi, deren Werke in Deutschland mit den Nachdichtungen Friedrich R\u00fcckerts und Goethes\u00a0<em>West-\u00f6stlichem Diwan\u00a0<\/em>bekannt wurden, boten daf\u00fcr seit dem Mittelalter popul\u00e4re Vorlagen. Die westliche Kunst begann dagegen erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, Schrift als visuelles Element zu verwenden \u2013 zun\u00e4chst in der Literatur, etwa in den Wortpartituren Mallarm\u00e9s, den futuristischen Manifesten Marinettis oder den\u00a0<em>Calligrammes\u00a0<\/em>Apollinaires, dann auch in der Malerei, wie in den\u00a0<em>MERZ<\/em>-Bildern Kurt Schwitters\u02bc oder den Zeitungsfragmenten der kubistischen Collage. Ghazimorad bezieht sich ausdr\u00fccklich auf die jahrhundertealte kalligraphische Tradition seines Heimatlandes, bricht sie aber mit einem modernen, zeitgen\u00f6ssischen Zugriff. Der meditative, fast sakrale Akt des Schreibens wird bei ihm zur expressiven Aktion, die die Schrift von ihrer Verweisungsfunktion befreit und die Aufmerksamkeit vom Textinhalt auf den Eigensinn ihrer malerischen Qualit\u00e4ten lenkt. Die Zeichen, die Ghazimorad wie einen enggekn\u00fcpften Teppich zu ornamentalen Geweben verdichtet und bis an die Grenze der Wiedererkennbarkeit abstrahiert, bedeuten nichts als sich selbst. F\u00fcr den, der das persische Alphabet nicht beherrscht, sind sie somit in einem doppelten Sinne unlesbar. Der \u00e4sthetischen Erfahrung aber bleiben sie zug\u00e4nglich: nicht als Schrift, sondern als Bild.<\/p>\n<p><strong>Shervin Pashaie\u00a0<\/strong>bedient sich expliziter aus dem Fundus westlicher Bildwelten. Seine digital generierten und collagierten Gem\u00e4lde rufen Erinnerungen wach an die dunkeltonige Eleganz Alter Meister, an ausgeblichene, unscharfe Photographien oder aus der Zeit gefallene, verwaschene Reklame. Nackte weibliche K\u00f6rper als Symbole f\u00fcr Reinheit und Sch\u00f6nheit verweisen zugleich auf die Liebesmetaphorik der persischen Dichtung. Auf den zweiten Blick freilich kippen Pashaies Motive ins Unbehagliche: Was man zun\u00e4chst f\u00fcr den Korpus eines Heiligen Sebastian halten mochte, erweist sich als Zwitterwesen mit m\u00e4nnlicher und weiblicher Brust. Puppenstarren Frauenr\u00fcmpfen werden vom Bildrand die K\u00f6pfe amputiert. Und in den Portraits begegnen uns leere Gesichter, auf unheimliche Weise geblendet und ausgel\u00f6scht bis auf die kleinen, schweigenden M\u00fcnder. Alles Pers\u00f6nliche, Individuelle, Menschliche ist Pashaies monstr\u00f6s fragmentierten Gestalten weggenommen. Daf\u00fcr sind ihnen feine schwarze Farsi-Schriftzeichen auf die Leiber gelegt \u2013 und wieder schleichen sich Zweifel ein: Sind die dekorativen T\u00e4towierungen nicht vielleicht Brandmale, wie sie Tieren zur Markierung des Besitzes, aber auch Menschen in Lagern und Gef\u00e4ngnissen als Stigma der Unterwerfung aufgedr\u00fcckt werden? Ist die quer \u00fcber die Stirn laufende Buchstabenkette nicht eher eine schlechtvernarbte Wunde? Das filigran um den Hals rieselnde Schriftcollier nicht ein pr\u00e4ziser, von Schulter zu Schulter gef\u00fchrter Sektionsschnitt? Es ist kein Zufall, dass Schrift beides sein kann: ein schm\u00fcckendes Accessoir ebenso wie ein messerscharfes Instrument, das unter die Haut geht.<\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum schreibt einer? Vielleicht, um die fl\u00fcchtigen Dinge festzuhalten und aufzubewahren. Vielleicht, um seinem Innersten eine Heimat zu geben, die er mit andern teilen kann. Die Welt aufzuschreiben, sich in die Welt einzuschreiben: diesem Grundimpuls entspringt die Literatur, aber auch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":421,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[4],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/420"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=420"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/420\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1471,"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/420\/revisions\/1471"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/421"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=420"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=420"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haleh-gallery.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=420"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}